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Denkraum

Autismus und ADHS - zwei Arten von Überforderungen?

Die Oberfläche einschätzen

Ich betrete das Schulzimmer und nehme viel Leben wahr. Einige Kinder sind vertieft in ihr Heft, andere sprechen noch angeregt über das Pausenspiel. Ein Mädchen schaut mit leerem Blick vor sich hin, ihre Hände spielen mit dem Radiergummi. Träumt sie? Ein Junge fällt mir auf. Mit der Schere in der Hand fuchtelt er wild um sich. Er will das Monster-Schnipsel-Spiel nicht beenden, obwohl die Pädagogin klar ankündigt, dass jetzt Schreibzeit ist. Er schreit. Alle Blicke richten sich auf ihn. Eine betretene Stille entsteht. Soll ich diese Verhaltensweisen sofort einordnen? Welche Art von Unruhe nehme ich wahr? Und vor allem: Was tue ich jetzt – bevor ich kategorisiere? Ist es dieselbe Art von Überforderung – oder wirken hier unterschiedliche Mechanismen? ZWEI UNTERSCHIEDLICHE NERVENSYSTEM-LOGIKEN Medizinisch zeigt sich die Autismus-Spektrum-Störung in Besonderheiten der sozialen Kommunikation, Interaktion und im Verhalten. Dahinter stehen Unterschiede in der Informationsverarbeitung. Sensorische Reize – Licht, Geräusche, Gerüche – werden oft intensiver oder differenzierter wahrgenommen. Das Gehirn nimmt Details schnell und präzise auf, benötigt jedoch mehr Zeit, um sie in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Soziale Situationen sind energieintensiv. Die Folge kann ein massiver Rückzug sein (Shutdown) oder – bei Überlastung – ein impulsiver Ausbruch nach aussen (Meltdown). Stress entsteht hier häufig durch: zu viel Information bei gleichzeitig hoher Verarbeitungsanforderung. Wie sehe ich eine autistische Überforderung? - Blick wird starr oder leer - Sprache bricht ab - Rückzug oder plötzliche Eskalation - starke Detailfixierung - hohe Erschöpfung nach sozialen Phasen Meine pädagogische Leitfrage ist: Wo ist es gerade zu viel? Bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) liegen die Besonderheiten primär in den exekutiven Funktionen – insbesondere in der Impulshemmung, der Handlungsplanung und der Aufmerksamkeitssteuerung. Das Nervensystem ist durchlässig. Reize dringen schnell ein, Impulse werden unmittelbar wirksam. Emotionen steigen rasch an, motorische Unruhe wird sichtbar. Handlungen abzubrechen oder zu beenden fällt schwer. Stress entsteht hier häufig durch: zu wenig Filter – durch mangelnde inhibitorische Steuerung. Die grundlegende Informationsverarbeitung ist nicht anders strukturiert, aber die regulatorische Stabilität ist beeinträchtigt. ADHS-Regulationsinstabilität zeigt sich oft so: - impulsive Zwischenrufe - rascher Themenwechsel - körperliche Unruhe - starke emotionale Ausschläge - Schwierigkeiten, eine Handlung zu beenden Meine pädagogische Leitfrage ist: Wo fehlt gerade eine äussere Struktur? WENN WIR ES FALSCH DEUTEN Verhalten ist sichtbar. Mechanismen nicht. Wie schnell ordne ich ein Kind vorschnell zu? Wenn ich „Sie hört nicht zu“ in die ADHS-Schublade lege, übersehe ich vielleicht eine sensorische Überlastung – verursacht durch visuelle Reize im Raum oder eine zu hohe Informationsdichte. Dann arbeite ich an Impulskontrolle, statt die Umgebung zu klären. Wenn ich „Er ist sozial desinteressiert“ als autistisches Merkmal deute, übersehe ich möglicherweise eine ADHS-bedingte Impulsdominanz. Dann beginne ich mit Emotionscoaching, obwohl Bewegung und äussere Struktur nötig wären. Nicht jede Unruhe hat denselben Ursprung. Und nicht jede Intervention passt zu jedem Mechanismus. WARUM DOPPELDIAGNOSEN ZUNEHMEN - AUS NERVENSYSTEMSICHT In beiden Fällen sind Regulationsprozesse beteiligt. Exekutive Funktionen spielen sowohl bei Autismus als auch bei ADHS eine Rolle – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Chronische Überforderung kann Symptome verstärken. Ein Kind kann gleichzeitig sensorisch überlastet und inhibitorisch instabil sein. Vielleicht sehen wir heute nicht mehr Störungen – sondern komplexe Nervensysteme unter höherem Druck. PÄDAGOGISCHE KONSEQUENZEN Bei autistischen Verhaltensweisen braucht es: - Reizmenge reduzieren - Aufgaben visuell strukturieren - Pausen früh einbauen - soziale Erwartungen klären Bei ADHS-Regulationsinstabilität braucht es: - klare Anfangs- und Endpunkte - kurze Arbeitssequenzen - Bewegung bewusst einplanen - unmittelbares Feedback Nicht das Verhalten entscheidet über die Intervention – sondern der vermutete Mechanismus dahinter. DENKRAUM-ABSCHLUSS Differenzierung ist zentral. Eine Abklärung kann entlasten und die Wahl passender pädagogischer Werkzeuge erleichtern. Vielleicht geht es jedoch weniger um die richtige Diagnose – als vielmehr um die richtige Lesart des Nervensystems. Frage ich zuerst: „Was hat das Kind?“ Oder frage ich: „Was braucht dieses Nervensystem jetzt?“ Lebensglück – Denkraum für Autismus, Entwicklung und Generationen Verstehen statt bewerten. Spannung halten statt auflösen. Entwicklung als gemeinsamer Prozess.

Herausforderndes Verhalten im Autismus-Spektrum

Eine entwicklungsorientierte Orientierung

Herausforderndes Verhalten ist kein isoliertes Problem. Es entsteht im Zusammenspiel von Wahrnehmung, Regulation, Beziehung und Umwelt. Eine fachlich stimmige Begleitung sucht nicht zuerst nach Korrektur, sondern nach Verstehen. Entwicklung geschieht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen und Rahmenbedingungen angepasst werden. ________________________________________ Beziehung als Ausgangspunkt Eine tragfähige Beziehung bildet die Grundlage jeder Interaktion. Präsenz und Resonanz ▪ Gleichbleibende, ruhige Zuwendung ohne Druck ▪ Wahrnehmen, spiegeln und gemeinsam Orientierung finden Modulierte Sprache ▪ Sprache vereinfachen und auf Kernaussagen reduzieren ▪ Schlüsselwörter betonen, Verarbeitungspausen zulassen Gemeinsame Aufmerksamkeit ▪ Über Materialien und Interessen in Kontakt treten ▪ Handlung als Brücke zur Kommunikation nutzen (Elemente inspiriert durch die Kontakt- und Interaktionsförderung nach Rollett & Kastner-Koller – eingebettet in eine entwicklungsorientierte Perspektive.) ________________________________________ Rückmeldungen als Orientierung ▪ Erwünschtes Verhalten positiv formulieren ▪ Konkretes, ruhiges Benennen statt allgemeines Loben ▪ Konsequenzen verstehbar und situativ gestalten ▪ Verhalten als Ausdruck innerer Prozesse lesen ________________________________________ Co-Regulation ermöglichen ▪ Eigene Ruhe und Klarheit als stabilisierenden Rahmen anbieten ▪ Tempo reduzieren und Übergänge begleiten ▪ Nähe und Distanz fein abstimmen ▪ Visuelle Hinweise, Gestik und Mimik bewusst einsetzen ________________________________________ Struktur als Entwicklungsraum ▪ Angebote an Interessen und Entwicklungsniveau anpassen ▪ Erfolgserlebnisse ermöglichen ▪ Alternativen anbieten statt ausschliesslich begrenzen ▪ Verhalten situativ umlenken oder auch bewusst nicht verstärken ▪ Materialien und klare Abläufe als Orientierung nutzen ________________________________________ Haltung Entwicklung entsteht nicht durch Methode allein. Sie wächst aus Beziehung, Regulation und Struktur. Fachlichkeit zeigt sich im differenzierten Beobachten – nicht im schnellen Einordnen. Lebensglück – Denkraum für Autismus, Entwicklung und Generationen Verstehen statt bewerten. Spannung halten statt auflösen. Entwicklung als gemeinsamer Prozess.

Zwischen Autismus und Bindung – ein heilpädagogischer Blick

Wenn Verhalten ähnlich wirkt – und doch etwas anderes erzählt

1. Wenn Verhalten Fragen stellt Besonders im Kindergartenkontext begegnen mir Familien, die gesund durchs Leben gehen – und Kinder haben, die sich still zurückziehen oder impulsiv und quirlig wirken. Manche vermeiden Blickkontakt, reagieren sensibel auf überfüllte Räume oder wechselnde Angebote. Dichtes Gedränge in der Garderobe wird zur Herausforderung. Verhalten ist sichtbar – die innere Entwicklungslogik bleibt oft verborgen. Schnell entsteht der Eindruck von Autismus, weil Verhalten irritiert und Regulation braucht. Doch nicht jedes stille Kind ist bindungsunsicher – und nicht jedes strukturbedürftige Kind ist autistisch. 2. Autismus – die Welt anders ordnen Autismus beschreibt eine andere Art der Informationsverarbeitung in Kommunikation, sozialer Interaktion und Verhalten – von Beginn der Entwicklung an. Häufig fällt früh auf, dass der trianguläre Blickkontakt oder die geteilte Aufmerksamkeit anders entstehen. Manche Kinder verweilen länger bei Details, die sie faszinieren – Farben, Formen oder Klänge. Das ist kein Beziehungsdefizit, sondern ein anderer Zugang, die Welt zu verstehen. 3. Wenn Beziehung das Nervensystem formt Bindungsunsicherheit entsteht nicht aus einzelnen Situationen, sondern aus wiederkehrenden Beziehungserfahrungen, in denen Regulation schwierig wird. Wenn Stress, Überforderung oder wenig abgestimmte gemeinsame Aufmerksamkeit über längere Zeit präsent sind, lernt das Nervensystem Strategien, um damit umzugehen. Kinder reagieren dann sensibel auf Nähe, Übergänge oder Veränderungen. 4. Ähnliche Spuren an der Oberfläche Bei Bindungsunsicherheit können sich die Kinder autistisch verhalten, ohne dass Autismus vorliegt. Sie zeigen kurzen oder ausweichenden Blickkontakt, wirken in Gruppen überfordert, hüpfen, springen oder ziehen sich zurück. Soziale Signale werden nicht immer sicher gelesen. Kleine Veränderungen können grosse Reaktionen auslösen. Gleichzeitig erleben wir, dass klare Strukturen, wiederkehrende Abläufe und Vorhersehbarkeit unterstützend wirken – unabhängig von der Ursache. Ähnliches Verhalten bedeutet nicht dieselbe innere Ursache – und genau dort beginnt heilpädagogisches Hinschauen. 5. Genauer hinschauen – die heilpädagogische Beobachtungsbrille Die Ursache liegt bei Autismus in der neurobiologisch anders angeordneten Hirnstruktur. Die Reizverarbeitung zeigt sich konstant anders. Soziale Signale werden anders verarbeitet. Es kann zu stereotypen, wiederkehrenden Handlungen kommen. Der Kontakt kann anders organisiert wirken oder weniger wechselseitig erscheinen. Strukturen regulieren das Nervensystem, ohne dass sich soziale Muster sofort verändern müssen. Ihre Handlungsplanung zeigt Auffälligkeiten. Wo beginne ich? Wann beginne ich? Mit was beginne ich? Wie beginne ich? Alles Fragen die häufig offen im Raum hängen bleiben. Bei Bindungsunsicherheit erfahre ich, dass das Verhalten stark von der Beziehung abhängig ist. Das Zuwendung und Co-Regulation schneller wirken. Im Alltag sind Schwankungen zu beobachten - heut gelingt etwas, morgen ist es unmöglich und dieses Wechselspiel sehe ich in sehr kurzen Abständen. 6. Warum wir manchmal vorschnell einordnen Im pädagogischen Alltag fällt der Blick oft zuerst auf das sichtbare Verhalten. Im Alltag erlebe ich, dass die Erwartungen der Z-Generation-Lehrpersonen sich nicht mehr mit den Basiskompetenzen der Alpha-Generation decken und so entlastet eine Diagnose. Sie bringt in unserem Schulsystem Ressourcen. 7. Was Kinder wirklich trägt Am Anfang steht die Beziehung, diese gilt es als kostbares Gut immer wieder herzustellen und zu bewahren. Mit ruhiger Präsenz halte ich den Raum. Das Kind lernt Regulation, ohne korrigiert zu werden. Ich spreche kurz, langsam und betont. Gleichbleibende Abläufe vermitteln Sicherheit. Wenn ich den Blick nicht auf Schwierigkeiten richte, sondern auf geteilte Aufmerksamkeit, wird Entwicklung möglich. Entwicklung entsteht selten durch Korrektur – sondern durch Sicherheit, die Wiederholung erlaubt. Entwicklung beginnt dort, wo wir den Blick von der Schwierigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit verschieben. 8. Ein offener Schlussgedanke Wir sind aufgefordert hinzuschauen und in Beziehung zu treten. Vorschnelle Etikettierungen führen oft in neue Überforderung. Wenn wir sie lockern, entsteht Raum für Entwicklung. Doch haben wir im Alltag die Zeit und die Strukturen dafür?

Sind Coronababys autistisch - oder verunsichert?

Die Frage taucht immer häufiger auf. Kinder wirken reizoffen. Sie vermeiden Blickkontakt. Sie reagieren impulsiv oder ziehen sich zurück. Sie haben Mühe mit Übergängen. Schnell steht ein Wort im Raum: Autismus. Doch was sehen wir wirklich?

Kinder der Generation Alpha sind unter Bedingungen gestartet, die historisch einmalig sind. Die sogenannten "Coronababys" erlebten ihre ersten Lebensjahre mit: - eingeschränkter sozialer Vielfalt - Maskierung von Mimik - reduzierten Begegnungsräumen - verunsicherten Bezugspersonen - erhöhter Bildschirmpräsenz Frühe Entwicklung ist Beziehung. Und Beziehung braucht Resonanz. Wenn Resonanzräume kleiner werden, verändert sich Entwicklung. Das ist keine Schuldfrage. Aber es ist eine Realität. AUTISMUS IST MEHR ALS SOZIALE UNSICHERHEIT Autismus - als tiefgreifende Entwicklungsstörung - betrifft nicht nur Verhalten. Es ist eine neurobiologische Störung. Er zeigt sich konsistent, früh und durchgängig. Er ist nicht situativ. Nicht pandemiebedingt. Nicht gesellschaftlich erzeugt. Doch soziale Verunsicherung kann autismusähnliche Symptome erzeugen. Und genau hier beginnt die Differenzierung. ZWISCHEN ALARMISMUS UND VERHARMLOSUNG Es wäre fachlich unredlich zu sagen: "Das ist alles nur Corona." Ebenso unredlich ist es, jede Besonderheit vorschnell zu pathologisieren. Was wir derzeit beobachten, ist möglicherweise eine Verschiebung von Basiskompetenzen: - weniger Frustrationstoleranz - geringere Selbstregulation - erhöhte Reizüberflutung - unsichere Bindungsmuster Das sind ernstzunehmende Entwicklungen. Aber sie sind nicht automatisch Autismus. WARUM DIFFERENZIERUNG SO WICHTIG IST Wenn wir verunsicherte Kinder als autistisch etikettieren, nehmen wir ihnen Entwicklungsspielraum. Wenn wir autistische Kinder als "nur sensibel" einordnen, nehmen wir ihnen notwendige Unterstützung. Beides schadet. Wir brauchen genaue Beobachtung, Zeit, entwicklungspsychologische Einordnung und generationale Kontextualisierung. Nicht jede Auffälligkeit ist eine Störung. Aber jede anhaltende Entwicklungsbesonderheit verdient ernsthafte Klärung. WAS JETZT GEFRAGT IST Keine schnellen Labels. Keine ideologischen Debatten. Sondern Fachlichkeit. Und die Bereitschaft, Komplexität auszuhalten. Lebensglück entsteht nicht durch einfache Antworten, sondern durch Verstehen.

Lebensglück

ist, wenn wir uns gegenseitig verstehen

verstehen

in Spannung bleiben

gemeinsam entwickeln

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